12.05.2019, E-Mail vom 11.05.

 

Guten Tag, Frau Stern.

 

Ich habe ein Problem, welches für Sie sicher lächerlich ist, mich aber wirklich tangiert. Ich habe Angst, meine Identität zu verlieren. Früher lebte ich von Steaks, Bier und Zigaretten. Heute stehe ich auf und trinke den Saft einer Zitrone. Früher gab es abends Keks, Schoko und Koks. Heute 2 Äpfel, nachdem ich meine selbst gekochte Linsensuppe gegessen habe. Ich kann nicht mehr in den Spiegel schauen. Ich erkenne mich nicht. Ich will ich bleiben. Was kann ich tun? Muss ich mir Sorgen machen oder ist alles gut?

 

Beste Grüße, Hans Heiner Brackwasser

 

Lieber Herr Brackwasser,

 

ohne Sie gut zu kennen, erlaube ich mir, zu behaupten, dass Sie ein Nostalgiker sind. Ich vermute, dass Sie die Zeit in der Sie Steaks, Bier, Zigaretten, Kekse, Schokolade und Koks konsumiert haben, mit Situationen verbinden, die Sie, rückblickend betrachtet, als positiv und sehr erlebnisreich empfunden haben. Das muss nicht unbedingt so gewesen sein, aber der Mensch neigt dazu, sich die Rosinen aus seinen Erinnerungen herauszupicken.

 

Sie haben Ihre Lebensweise geändert und es wird seine Gründe gehabt haben. Wenn Sie, trotz einer gesünderen Art zu leben, sich nicht selbst im Spiegel finden, liegt das nicht an dem, was sie essen, sondern möglicherweise daran, dass Sie nicht wissen, wen Sie da gerne erblicken möchten. Es ist Ihre Entscheidung, was Sie essen. Es ist Ihre Entscheidung, wem Sie im Spiegel begegnen werden.

 

Veränderungen sind gut und notwendig. Den Körper liebevoll zu behandeln, zahlt sich aus. Um etwas Besonderes zu sein und Besonderes zu erleben, ist kein ungesunder Lebensstil notwendig. Auch wenn Ihnen Ihre Erinnerungen das suggerieren.

 

Mein Tipp, so generell an Menschen mit einer gewissen Ziellosigkeit und Zweifel an der eigenen Identität: Klare Ziele, Selbstvertrauen und Bereitwilligkeit den Weg zu gehen, für den man sich entschieden hat. Gerne mit Umwegen. Aber Umdrehen ist doof.

 

Herzlichst,

Ihre Frau Stern