Liebe Frau Stern,

 

vorgestern habe ich meine Tochter zu ihrer ersten Stunde Blockflötenunterricht gefahren. Der fand bei einer sehr gläubigen Person statt. Jedenfalls stand alles voll mit katholischen Dingen und in der Mitte des Wohnzimmers stand ein Schaf. Zwar aus Holz, aber dennoch etwas, äh, na Sie wissen schon.

 

In der Nähe ist das Rathaus und ich bin während des Unterrichts dorthin gefahren und aus der Kirche ausgetreten. Ich möchte dazu sagen, dass hier nicht die Inneneinrichtung der Lehrerin Schuld war. Tatsächlich plante ich den Austritt schon eine Weile, da mir 20 Euro im Monat für den Segen des Herrn doch etwas viel erscheinen. Zumal ich kein Angebot der Kirche wahrnehme und auch so nicht das Gefühl habe, dass er schützend seine Hand über mich hält... (Anmerkung von Frau Stern: Der Brief wurde an dieser Stelle um 6000 Zeichen gekürzt.)

 

Jedenfalls bin ich mit einem ganz schlechten Gefühl wieder zurückgefahren weil ich ja noch dieses religiöse Haus betreten musste. Als die Lehrerin mir sagte, dass das Schaf und der liebe Gott immer dafür gesorgt haben, dass es ihr gut ginge, fing ich furchtbar an zu kichern und habe mich gar nicht mehr einkriegen können. Meine Tochter sah mich ganz entsetzt an und fragte, warum ich jetzt so lachen würde, das sei ja schließlich nicht lustig. Auf dem Rückweg erklärte sie mir, dass sie die Wohnung total schön fand und Religion auch ihr Lieblingsfach sei.

 

Neben dem schlechten Gewissen gegenüber meiner Tochter und ihrer Blockflötenlehrerin, habe ich auch ein schlechtes Gewissen gegenüber Gott, an den ich irgendwie ja schon glaube. Was wird jetzt passieren? Werde ich beim nächsten Sturm von einem Baum erschlagen? Wird mein Mann mich wegen einer anderen Frau verlassen? Wird meine Tochter Nonne werden und sich von mir abwenden? Oder passiert gar nichts? Oder wären die Dinge, wenn sie passieren, auch passiert, wenn ich nicht ausgetreten wäre? Bitte helfen Sie mir, ich kann kaum noch schlafen.

 

Freundlichst, Ihre Frau Überhorst (Name geändert)

 

Liebe Frau Überhorst,

 

ich habe nicht viel Ahnung von der Kirche und diesem ganzen Drumherum. Sie wissen ja vielleicht, dass ich aus dem Osten komme, in dem man keine Engel sondern Jahresendzeitflügelfiguren gebastelt hat, wenn die Weihnachtszeit nahte. Mein erster Kontakt zu Menschen, die an irgendwas in dieser Richtung geglaubt haben, bestand aus zwei grauhaarigen Damen, mit denen ich in meiner ersten eigenen Küche über Gott gesprochen habe. Sie waren von den Zeugen Jehovas und ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung mehr, wie die in meiner Küche gelandet sind. Aber das Gespräch war sehr nett. Ich habe ihnen meine Meinung gesagt, nämlich, dass Gott in einer Blume wohnt.

 

Wenn Sie Gott wären, wem würden Sie Ihren Segen geben? Jemandem der monatlich einen Beitrag bezahlt und denkt, Mensch, davon hätte ich auch mit den Kindern ins Kino gehen können oder jemandem, der sich vor eine Blume setzt, mit ihr spricht und sich über diesen Moment freut, weil der Glaube da ist (und manchmal auch das Wissen) oder zu ihr weint oder sie um etwas bittet?

 

Aus der Kirche austreten heißt nicht, den Glauben zu kündigen. Wenn Sie Angst haben, von Gott bestraft zu werden, rate ich Ihnen, sich mal intensiv mit Ihrem Glauben zu beschäftigen und mit Jesus, der sagte: „Das Reich Gottes ist in euch“.

 

Und wenn Sie das Gefühl haben, mit Gott reden zu müssen, dann suchen Sie sich einen Ort aus, der Ihnen als der naheliegendste erscheint. Das kann ihr Garten oder ihr Klo sein, das ist völlig egal. Und wenn es die Kirche ist, dann können Sie doch trotzdem hineingehen und beten und weiß der Teufel was (ups).

 

Und: Sie können auch eine Spende einwerfen! Wenn Sie mögen, 20 Euro monatlich.

 

Herzlichst, Ihre Frau Stern