Kurznotiz 20190616 01:

 Wenn man so Leute trifft, die keinen Hund haben, sagen die immer: „Toll, wenn man einen Hund hat. Dann geht man jeden Tag raus und bekommt frische Luft!“ „Ja“, sage ich. „Auch bei Regen. Bei Sturm. Bei gefühlten 80 Grad minus. Und bei brüllender Hitze musste mit dem Hund schwimmen gehen und hast auf der Rückfahrt ´nen stinkenden Hund im Kofferraum, der während der Fahrt das Wasser und die Pflanzen auskotzt, die er während des Schwimmens verschluckt hat. Voll toll!“ Aber das ist ja nicht unbedingt das Schlimmste. Das Schlimmste ist, wenn man nicht gerade an abgelegene Orte fährt, dass man zuweilen auch anderen Hundebesitzern begegnet. Und, ich weiß nicht, woran es liegt, aber Hundebesitzer sind irgendwie komisch (Das ist der Tonfall, wie man ihn auch hat, wenn man das über Leute sagt, die keine Kinder haben. Die werden ja auch irgendwann „komisch“).

 

Vor ein paar Tagen jedenfalls, kam mir ein junger Hund fröhlich entgegengehopst und das Frauchen so hinterher, hibbiemäßig gestylt und der Hund hatte am Halsband einen Kotbeutel hängen (leer). Und ich sage, um das Eis zu brechen „Cool, kann er denn gleich selbst aufsammeln.“ Die Frau guckt blöd aus der Wäsche. Dann sagt sie, total ernst: „Der hat doch aber keine Daumen.“ Ich denk mir, die ist ja lustig und lache. Aber sie lacht nicht. Also höre ich wieder auf und mache mit: „Nicht? Meiner hat Daumen und Finger, sone Spezialzüchtung. Was anderes wäre mir nicht ins Haus gekommen!“ Und sie guckt auf die Pfoten meines Hundes. „Die sieht man jetzt gerade nicht, kann er ein- und ausfahren. Sobald er ein Häufchen macht, kommen die raus“, sage ich. Sie sagt immer noch nichts und sieht mich nur blöde an. „Wir sind da in so einem Forschungsprogramm“, flüstere ich und blicke spähend nach rechts und nach links. Und was macht die Frau? Schüttelt den Kopf und geht. Sacht nüscht, geht einfach. HALLO?! Das ist doch Mist. Da will man mal lustig sein und dann so was. Sie hatte DAN (Dein Ableben Naht)-Kennzeichen und Stop Castor Aufkleber auf dem VW Bully. Ich bin sicher, die ist komplett zugedröhnt (mit Cannabis oder White Wendish?) durchs Wendland gefahren und falsch abgebogen. Und im Widerstandsbüro wird sie dann erzählen, wie verrückt die Hunde und Menschen im Landkreis OHZ (Ohne Hose Zurück) sind. Tz.

 

 

 

Kurznotiz 20190614 01:

Es ist 20:42 Uhr und ich esse ein Stück Buttermilchskuchen, der eine gummiartige Konsistenz hat. Hier frage ich mich, wann ich aufgehört habe, eine gute Mutter zu sein. Ich habe sehr oft Buttermilchskuchen zubereitet. Heute morgen aber, da habe ich gedacht: "Lass Magda den Kuchen machen." Magda ist meine Aldi-Billigversion vom Thermomix und dient mir seit anderthalb Jahren in der Küche.

 

Beim Aufschneiden jedoch: gummiartiger Teig. Löcher so groß wie Vogelnester und außerdem hab ich den Zucker oben drauf vergessen (ist mir natürlich noch nie passiert). Aber Zeit blieb nicht und so schnitt ich schöne Stücke und naschte doch vom warmen Rand, der, Dank Sahne-Butter-Guß, irgendwie hm war und stellte das Tablett beim Schul-Sommerfest-2019 heimlich hin und rannte davon.

 

Bevor wir, als komplette Familie, zu diesem Sommerfest loszogen, saß ich jammernd auf meiner (frisch zurecht gemachten) Terrasse: "Bäh, ich mag nicht!" "Kann es nicht gewittern?" "Warum überhaupt Sommerfest? Ist doch noch gar nicht Sommer!" Und mein Noch-Ehemann erwiderte: "Wenn es gewittert, gehen wir rein, das ist doch noch schlimmer." Und: "Müssen wir da eigentlich hin?" Also, demotivierter geht es ja gar nicht mehr. Und immer stand ich am Stand und hab geholfen. Lichterfest. Sommerfest. Immer schön zum Elternabend, alles besprechen. Und in diesem Jahr: HATTE ICH KEINE LUST! Mich nervt dieses Getue dieser happy Eltern, die die ganze Zeit mit strahlenden Gesichter um ihre Kinder rumlaufen und fragen: "Ja, willst Du noch ne Apfelschorle? Willste nich was basteln? Wollen wir da mal gucken?" Mich nervt es erst recht, wenn es kein Getue ist, sondern echt. Echte Lust auf Sommerfest. Ich will auch Lust haben auf all die Dinge. Basteln, Backen, Brote schmieren. Aber hab ich nicht. Ich bin einfach mal ein paar Monate ´ne doofe Mutti. Ich rauche heimlich. Ich trinke Sprizz, sogar am Nachmittag. Ich schiebe Bastelvorhaben mit Ausreden vor mir her (Heute geht nicht, ich muss noch äh... Fenster putzen?). Ich will kein Tiermemory spielen (ich verliere da doch sowieso). Und wenn ich schon wieder so eine blöde Kindergeschichte über Ritter und Prinzessinnen zum Einschlafen vorlesen muss, könnte ich DURCHDREHEN.

 

Was für eine verdammte Scheiße in Kinderbüchern landet, ist eine Zumutung. Da denken irgendwelche Leute "Ach, Kinderbücher schreiben, das ist ja leicht." Und dann machen die das. Und dann kennen die einen, der einen kennt und der kennt einen, der da mal irgendwie was mit so einem Verlag und SCHWUPP, ist wieder so eine Scheiße auf dem Markt und ich, als Mutter MUSS DAS LESEN. Ich quäle mich durch unlogische Stories, bescheuerte Enden, nuckele an den erhobenen Zeigefingern und immer diese Aliterationen! Heilige Scheiße! Paula Pinguin. Egon Eisbär. Willi Wurm. Was soll der Mist?!

 

Ich bin so froh, dass mein Sohn schon älter ist und sich nicht mehr mit so einer Bilderbuchvorlesegeschichte begnügt. Da darf ich Romane lesen. Harry Potter. Rumo. Käptn Blaubär. Hab ich früher alles gern gelesen. Und nun? Ich spreche (schreibe) es jetzt aus: Ich habe keine Lust mehr, Fantasy zu lesen. Und ich weiß nicht, warum das so ist. Ich bin traurig deswegen. Aber ich ertrage es nicht mehr. Diese Namen. Diese Orte. Diese permanenten Reisen, weiß der Teufel, wohin. Bin ich jetzt erwachsen? Mich hat mal vor vielen Jahren ein Kind gefragt, woran man merkt, dass man erwachsen ist. Ich saß neben diesem Kind auf einer Schaukel. Und ich hab geantwortet: "Wenn dir beim Schaukeln schlecht wird, biste erwachsen." Heute würde ich antworten: "Wenn Du in einem ein Walter Moers Buch nur ein paar Seiten liest, weil es dich langweilt, dann ist es wohl soweit."

 

Jedenfalls habe ich auch zum ersten Mal überhaupt, eine derartige Veranstaltung vorzeitig verlassen. Innerlich habe ich ihnen allen zugewunken oder zugewinkt, ich komme da immer durcheinander, den Frauen in ihren schicken Sommerkleidern. Den Männern in coolen Shirts. Den Lehrerinnen mit schlechten Frisuren. Und manche, die haben mir hinterhergesehen, wie ich stolz durch das Tor schritt, Autoschlüssel schon gezückt, und ich sah es in ihren Augen: DIE GEHT NACH HAUSE. ICH WILL AUCH. Und gesagt haben sie: Also, die Mutti von Elvis, die ist irgendwie komisch. Oder: Olaf, hol doch mal den Senf ausm Karton, der ist fast alle.

 

 

Kurznotiz 20190613 01: Mein Bett ist fertig. Da steht es, an einem hübschen Platz, mit Blick nach draußen. Die Beleuchtung ist kuschelig und führt mich dazu, wieder zu lesen. Heute morgen noch, dachte ich, dass ich erstmal alle Bücher zuende lese, die ich so angefangen habe und die Bücher lese, die ich noch nicht begonnen habe, bevor ich mir ein neues kaufe. - Heute habe ich Kaffee mit meiner Lieblingsnachbarin getrunken, die Stube gewischt, sogar mit Stühle hoch, da hab ich sonst nie so Lust zu. Ist ja auch voll nervig, die Stühle hochzustellen, die sind ja total schwer und ich zerkratz da jedesmal den Holztisch mit. Und es ist nie jemandem aufgefallen, dass ich um die Beine drumrum gewischt habe. Mal ehrlich, wer geht denn irgendwo hin und guckt nach sowas. Dann habe ich beide Bäder geschrubbt und bin mit einer Freundin und unseren Hunden im Wald umhergelaufen. Heute ohne Schüsse seitens der Bundeswehr. Ganz entspannt und chillig. Meine Freundin erzählt mir, dass ihr Hund eine Zecke hatte, die unglaublich große Füße hatte. Große Füße! Ich hab mich gar nicht mehr eingekriegt. Wieder Zuhause esse ich schon wieder Pizza.

Meine Tochter und ich sind mit dem Fahrrad vom Kindergarten nach Hause gefahren, sie total glücklich, weil in der "Zu-verschenken-Kiste" eine Monika Häuschen CD lag, die wir noch nicht hatten. Die hat sie sich gleich angestellt und ich habe mich in mein Bett gelegt und nach draußen gestarrt. Eine Nachricht einer Nachbarin reißt mich aus meinem fast begonnenen Schlaf, sie fragt "Möchten Sie Blumen für ihren Garten? Ich hab noch welche über." Weil ich die Uhrzeit durcheinander bringe, stehen Hermine und ich zu früh an der Schule, um ihren Bruder abzuholen, aber wir haben ein Buch dabei und sie setzt sich auf meinen Schoß, mit den Händen ans Lenkrad. Wir haben die Fenster offen und der Wind zerzaust uns das Haar. Mein linkes Ohr ist seit Wochen wieder zu und ich spüre, dass der Wind nicht gut ist für das Ohr, aber gut für die Seele und ich entscheide mich für die Seele. Scheiß auf´s Ohr. Wieder Zuhause, mähe ich fast zwei Stunden den verdammten Rasen, der mir schon bis zu den Knien geht. Ständig muss ich zum Komposthaufen laufen und den Korb ausleeren, aber meine Kinder helfen mir dabei. Zwischendurch laufe ich immer mal wieder zur Felsenbirne, um Hermine ein paar Früchte abzupflücken, denn sie kommt da nicht an. Meine Nachbarin bringt mir eine Sonnenblume mit hängendem Kopf. Elvis pflanzt sie ein und gießt ordentlich. Als ich mit dem Rasen fertig bin, erfahre ich, dass ich morgen früh kein Auto habe. Es ist nach 18 Uhr und ich freue mich auf den Feierabend, aber jetzt muss ich noch den Wochenendeinkauf machen. Also nochmal los, irgendwas in den Wagen packen. Ich muss dran denken, alles für den Kuchen zu besorgen, morgen ist Sommerfest in der Schule. Es gibt in diesem verdammten Lidl keine gehobelten Mandeln. Ich brauche öfter gehobelte Mandeln und nie haben die welche. Ich sollte mal fragen. Es gab eine Zeit, da brauchte ich häufiger Blätterteig und die hatten den auch nicht. Dann habe ich gefragt, eine Frau mit autoritärer Erscheinung, vielleicht eine Führungskraft: "Haben Sie Blätterteig?" "Nein", sagte sie. Eine Woche später gab es dort welchen. Jetzt neu, dauerhaft im Sortiment: BLÄTTERTEIG. Die Frau ist heute nicht da. Ich packe alles ein, in diverse Taschen, denn mein cooler Einkaufskorb ist noch voll mit Umzugszeug. Dann gehe ich rüber, vorsichtig, denn wenn ich die Stufe zum Combiparkplatz hochsteige, stolpere ich manchmal. Einmal bin ich so gefallen, dass ich geblutet habe und mit verklebter Hose an der Kasse stand. Ich kaufe zwei Tüten gehobelte Mandeln, obwohl ich nur eine brauche. Ich kaufe Rotkohl, weil die da den mit Apfel drin haben. Dann ist da ein Stand mit Mängelexemplaren. 4,99 € pro Buch. Ich versuche, nicht hinzusehen. Werfe doch einen Blick drauf. Ach nur so Pilcherkram, denke ich. Zwischendurch ein Willemsen Buch. Deutschlandreise. Ach, verdammt. Ich habe es getan. Fucking Inkonsequenz.

 

 

 

 

 

 

Kurznotiz 20190602 01: Mein Schreibtisch steht nicht an der vorgesehenen Stelle. Mein Bett wird auch woanders stehen. Weil dieser Schrank, der viel zu groß für mein neues Zimmer ist, aber von dem ich mich nicht trennen kann, optisch nicht auf seinen vorgesehenen Platz passt. Ich bin da eigen. Hab heute fünf Stunden zwischen Familien am See gesessen. Meine Güte, haben die sich alle gezofft. Ist manchmal ganz gut, allein zu sein. Einfach nur stundenlang auf seine Kinder zu starren und aufzupassen, dass sie nicht ertrinken.

Labberige Pommes.

Sand auf meinem Rotkehlchen.

Sonnenbrand an vergessenen Stellen.

Hängetitten.

Schwarze Spinnen.

Kaltes Wasser.

Heiße Haut.

Menschen.

Menschen.

Menschen.

Menschen.

Menschen.

Menschen.

Menschen.

 

 

 

 

 

 

Kurznotiz 20190516 01: In der Bahn sitzt vor mir ein Pärchen, welches sich darüber unterhält, ob es sich denn überhaupt noch lohnen würde, am nächsten Tag ein großes Mittagsmahl zuzubereiten, denn ihre Tochter würde ja schon so früh wieder fahren. "Schön, dass wir sie noch einmal sehen konnten", sagt die Frau. Ich frage mich, was die Tochter wohl tun wird? Wandert sie nach Panama aus? Hat sie einen Undercovereinsatz im Drogenmillieu? Ist sie sterbenskrank? Hat sie einen Job als Betriebswirtin bekommen? Hat sie sich von einem Milliardär adoptieren lassen und nun Kontaktverbot zu den leiblichen Eltern? Oder fängt sie gar an zu studieren? Darüber kommen sie zu dem Thema, dass viele Menschen sich im Zug nicht benehmen. Sie würden dort stinkende Sachen essen und die Reste so in die Mülleimer stopfen, dass hier und da noch Pommes heraushängen. Ich denke an Fleischwurst. Denn vor kurzem gab es einen Zeit-online-Artikel von einer Frau, neben der im Zug Fleischwurst gegessen wurde und sie hat sich ziemlich darüber aufgeregt. Dann gab es dutzende Kommentare in denen sich darüber aufgeregt wurde, dass sie sich darüber aufgeregt hat. "Ob man denn in Deutschland nicht mal mehr eine vernünftige Fleischwurst im Zug essen könne?" Ein paar Stunden später steige ich in einen Bus und der Fahrer sagt: "Bitte, passen Sie auf, der eine Mann der hat da... also... naja... passen Sie einfach auf." "Oh!", sage ich, denn ich sehe es schon. Ein Mann hängt auf einem Sitz. Seine Augen sind geschlossen. Seine Hose ist nass. Und der Fußboden vor ihm auch. Die anderen Fahrgäste und ich spielen einen städtischen Ableger von "Der Boden ist Lava", nämlich: "Der Boden ist Urin". Jetzt hätte ich gerne das Pärchen von vorhin hier. Die, die sich über heraushängende Pommes aufregen. Was würden sie wohl dazu sagen?

 

 

 

 

Otto Dix - Die Journalistin Sylvia von Harden
Otto Dix - Die Journalistin Sylvia von Harden

Kurznotiz20190507 01: Ich denke an tote Mütter. Schlechte Mütter. Erdbeerquark und Europawahl. Und dann verschwimmt mein Universum, fällt in das Märchen vom Schneewittchen und dem bösen Wolf. Ich sehe rauchende Kinder, schreiende Männer, verwundete Reptilien. Hinter Glas lässt es sich träumen. "Klagt ein Vogel, acht auf mein Gefieder". Und ich flieg nicht durch die Welt. Nein nein nein. 

 

Kurznotiz 20190429 01: Wozu braucht die Welt Parship? Anscheinend muss man nur bei Facebook öffentlich als Single dastehen und schon regnet es Freundschaftsanfragen aus aller Welt und so einfallsreiche Nachrichten wie: „Hey“ oder „Na?“ oder „Schick malnFoto“. Ich beschließe es, wie Janosch zu machen und nur dienstags meine Post zu lesen. Ok, Janosch ist da konsequenter und liest auch nur die Post, die an einem Dienstag ANKOMMT. Dafür bin ich natürlich zu neugierig.

 

Ach, ich beneide die Leute, die einfach so Menschen kennenlernen können. Die in eine Kneipe oder in eine Disco gehen und quatschen und dann ergibt sich was. Ich kann so etwas nicht. In meiner Welt sind die Menschen, die um mich rumlaufen und die ich nicht kenne, bloße Hüllen. Sie können wunderschön sein, sie interessieren mich nicht, zumindest nicht, wenn es um eine Partnerwahl geht. Das ist wohl der Grund, weshalb ich meine letzten Verflossenen alle via Internet kennengelernt habe. Mir ist die Wortwahl wichtig. Der Umgang mit Buchstaben. Was zwischen den Zeilen steht. Aber für Leute, die keinen vernünftigen Satz auf die Reihe kriegen, ist mir meine Zeit zu schade. Deswegen fliegen sie alle wieder raus. Raus aus meiner Welt, die nur Menschen hineinlässt mit Empfindsamkeit. Gefühl. Verletzlichkeit. Sinnlichkeit. Originalität. Und verdammt viel Humor.

 

Und meinen Beziehungsstatus lösche ich wieder. Ich will doch einfach nur meine Ruhe.

 

Gute Nacht.

 

Kurznotiz20190424 01: Überall diese Elsner. Und ich denke die ganze Zeit, dass ich vor fast 20 Jahren mal in einem Buch von Goetz genau das passende Zitat gelesen habe. Da kamen auch Saxophone vor. Kämpfe ich mich durch 1195 kleingedruckte Seiten, um es zu finden? Nö.